AllgemeinEmpty-Desk-Syndrom: Von wegen schöner Ruhestand!

Empty-Desk-Syndrom: Von wegen schöner Ruhestand!

Endlich Zeit für Hobbys, die Enkel und ausgedehnte Urlaube – so könnte der Ruhestand aussehen, so die typische Idealvorstellung. Wenn es allerdings so weit ist, kann die Realität ganz anders aussehen. Einige Rentner wissen plötzlich gar nicht, wie sie ihre gewonnene Zeit nun nutzen sollen. Plötzlich fehlen der strukturierte Tagesplan und die üblichen Aufgaben, mit denen man sich Woche für Woche beschäftigt hat. Experten nennen es Empty-Desk-Syndrom, wenn Rentner psychisch ins Ungleichgewicht geraten, statt sich über den Ruhestand zu freuen. Wo die Gründe für das Phänomen liegen und was Betroffene tun können, verraten wir hier.

EmptyDesk-Syndrom: Was ist das?

Manch ehemaliger Arbeitnehmer leidet nach dem Renteneintritt unter dem Empty-Desk-Syndrom. Statt sich darüber zu freuen, dass der Schreibtisch nun leer ist („empty desk“) und Freizeit zu genießen, fühlen Betroffene sich nutzlos und ihrer Aufgabe beraubt. In ganz schlimmen Fällen kann das sogar bis zu einer Depression führen.

Der Begriff an sich ist an das sogenannte Empty-Nest-Syndrom angelehnt. Gemeint ist damit, dass sich Mütter schlecht fühlen, wenn die Kinder endgültig das Haus verlassen haben. Gerade Hausfrauen haben dann mitunter das Gefühl, keine wirkliche Aufgabe mehr zu haben. Denn die Kinder, um die man sich jahrelang gekümmert hat, können sich nun selbst versorgen.

Vom Empty-Desk-Syndrom sind dagegen hauptsächlich Männer betroffen und unter ihnen besonders diejenigen, die eine Führungsposition innehatten. Denn diese Personen definieren sich tendenziell mehr über den Job als andere Beschäftigte. Man kann zum Teil den Eindruck gewinnen, einige Firmenlenker lebten nur für den Beruf. Für sie scheint die Arbeit nicht bloß Broterwerb, sondern Lebensaufgabe zu sein.

Der Begriff Empty-Desk-Syndrom geht auf den Psychologen Otto Quadbeck zurück. Interessant dabei: Quadbeck befasste sich erst mit dem Phänomen, als er schon selbst im Ruhestand war. Nach seiner Karriere bei einer Bank studierte er als Rentner Psychologie und widmete sich bei seiner Forschung besonders der Kehrseite des Ruhestands und damit dem Empty-Desk-Syndrom.

Die Gründe für die Furcht vor dem leeren Schreibtisch

Die Gründe für das Empty-Desk-Syndrom sind so vielfältig wie die Menschen, die unter dem Gefühl leiden. Folgende Auslöser treten häufig auf:

  1. Fehlende Struktur: Während der Erwerbstätigkeit strukturierte der Job den Tag. Morgens um 8 oder 9 startete man in den Arbeitstag, absolvierte ein Meeting, widmete sich dem Tagesgeschäft und ging mit Kollegen in die Mittagspause. Im Ruhestand sieht das ganz anders aus. Natürlich können auch Rentner ihre Zeit planen und Termine vereinbaren. In der Regel lässt sich diese eigene Termingestaltung aber kaum mit der Geschäftigkeit des Berufslebens vergleichen.

  2. Mangelnder sozialer Ausgleich: Wer sich stark von seinem Job einspannen lässt, hat häufig außerhalb des Berufs wenig Kontakte. Dafür bleibt in vielen Fällen einfach keine Zeit. Im Ruhestand fällt das den Neu-Rentnern auf die Füße. Denn dieser Umstand verstärkt das Empty-Desk-Syndrom noch zusätzlich. Wie soll man sich damit abfinden, dass man nicht mehr täglich ins Büro geht, wenn alle sozialen Kontakte genau das machen? So wird es noch schwieriger, eine neue Beschäftigung außerhalb der Firma zu finden. An den Freunden und Bekannten kann man sich nämlich nicht orientieren – die arbeiten schließlich zum Großteil noch.

  3. Bröckelndes Selbstbild: Wer sich stark über seine berufliche Tätigkeit definiert, wird Probleme haben, einen Ersatz im Ruhestand zu finden. Denn eine Führungsposition bedeutet eben auch Ansehen. Fällt der Job weg, weil man in den Ruhestand geht, verschwindet häufig auch diese Form der Selbstbestätigung. Plötzlich hat man nicht mehr das Sagen, sondern ist einer von vielen Senioren, die nicht mehr arbeiten.

  4. Fehlende Annehmlichkeiten: Hinzukommt, dass viele weitere Vorzüge, die der Beruf mit sich brachte, im Ruhestand ersatzlos gestrichen werden: Dienstwagen, Vielflieger-Rabatte, Boni in gehobeneren Hotels – all das fällt jetzt weg und kann das Empty-Desk-Syndrom noch schlimmer machen.

Die Phasen des Empty-Desk-Syndroms

Das Empty-Desk-Syndrom kann ganz unterschiedlich verlaufen. Einige glückliche Neu-Ruheständler sind vielleicht nur die ersten Wochen etwas ratlos, was sie mit ihrer neu gewonnenen Freizeit anfangen können. Danach haben sie sich aber daran gewöhnt und der Ruhestand nimmt seinen Lauf.

Andere ehemalige Beschäftigte freuen sich zunächst riesig auf die Rente, sind nach einiger Zeit aber komplett überfordert mit der vielen Freizeit und wissen nichts mit sich anzufangen.

An diesem Punkt kann es gefährlich werden. Entweder die Senioren schaffen es, sich eine neue Beschäftigung zu suchen, oder sie können ernsthafte psychologische Probleme bekommen. Gefühle nach dem Schema „Ich habe keine Aufgabe mehr, bin nichts mehr wert und meine Kompetenzen sind nicht mehr gefragt“ können sich bemerkbar machen.

Wer es nicht rechtzeitig schafft, aus diesem Kreis schlechter Gedanken herauszukommen, kann im schlimmsten Fall eine handfeste Depression entwickeln. Auch Alkoholprobleme sind bei Ruheständlern, die unter dem Empty-Desk-Syndrom leiden, nicht ungewöhnlich.

Aber auch schon viel weniger schlimme Symptome können mit dem Empty-Desk-Syndrom in Zusammenhang stehen. Die Bandbreite reicht von

  • Allergien

  • Allgemeines Unwohlsein

  • Langeweile

  • Schlafprobleme

  • Rückenschmerzen

  • Herz-Kreislauf-Probleme

über

  • Selbstzweifel

  • Essstörungen

  • Alkoholismus

bis hin zu

  • Depression

  • Selbstmordgedanken

Hinzukommt, dass sich in einige Fällen auch Probleme in der Ehe einstellen. Während sich die Ehepartner in den Jahren und Jahrzehnten zuvor den überwiegenden Teil des Tages nicht gesehen haben, ist das Gegenteil der Fall, sobald in Rente sind. Die bessere Hälfte ist nun von früh bis spät anwesend. Diese Umstellung und Neugewöhnung führt nicht selten zu Streit und Reibereien.

Tipps: Das hilft gegen das Empty-Desk-Syndrom

Die gute Nachricht für alle Neu-Rentner und solche, die es bald werden: Man kann etwas gegen das Empty-Desk-Syndrom tun. Zum einen lassen sich natürlich die Symptome an sich behandeln. Gegen Rückenschmerzen helfen Massagen oder leichter Sport. Um Schlafprobleme zu behandeln, gibt es mittlerweile sogar Apps, mit denen man sich wieder einen gesünderen Schlafrhythmus antrainieren kann. Bleiben allerdings die psychologischen Faktoren, die mit dem Empty-Desk-Syndrom einhergehen – doch auch hier lässt sich Abhilfe schaffen.

  1. Kopf frei bekommen: Beim Übergang in den Ruhestand bietet sich häufig ein Urlaub an. Der Tapetenwechsel hilft dabei, den Kopf frei zu bekommen und sich mit der neuen Situation zu beschäftigen. Mit etwas Glück lässt sich schon im Urlaub eine sinnvolle Beschäftigung für die Zukunft finden.
  2. Ersatz suchen: Außerdem kann ein Ersatz für die frühere Führungsposition helfen, mit dem Empty-Desk-Syndrom umzugehen. Wer jahrelang eine leitende Funktion innehatte, kann genau das im Ruhestand vermissen. Die Lösung: Ein Ehrenamt, bei dem man wieder in die frühere Leitungsrolle schlüpfen kann. Das kann zum Beispiel in einem Sportverein oder in einer Stiftung gelingen.
  3. Wissen weitergeben: Wer sich dagegen gar nicht von der Arbeit verabschieden kann, kann sich im Ruhestand selbstständig machen. Führungskräfte haben in der Regel einiges an Expertise während ihres Berufslebens angehäuft und die verschiedensten Situationen gemanagt. Dieses Wissen können sie als Berater oder Coach weitergeben.

Bildnachweis: Photographee.eu / Shutterstock.com

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