Laterale Führung: Ohne Weisungsbefugnis gemeinsam schneller Ziele erreichen

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laterale Führung

Wenn es um die Organisation der Betriebsabläufe geht, setzen viele Unternehmen zunehmend auf die laterale Führung. Die klassische Hierarchie, in der ein Vorgesetzter eigenmächtig über die Köpfe seiner Mitarbeiter hinweg entscheidet, tritt in den Hintergrund. Worum es bei der lateralen Führung geht und auf welchen Mechanismen sie basiert, erklärt dieser Artikel.

Kooperation statt Hierarchie

Die Arbeitswelt verändert sich, und damit auch die Arbeitsweise in Unternehmen und Betrieben. Typische hierarchische Strukturen, wie sie jahrzehntelang vorherrschend waren, verlieren zunehmend an Bedeutung. Auch die Grenzen zwischen einzelnen Abteilungen und Bereichen verschwimmen. Kooperation wird wichtiger, viele Unternehmen sind inzwischen eher netzwerkartig aufgebaut.

Diese Veränderungen machen Anpassungen erforderlich. Normale hierarchische Führung basiert auf Status und Macht. Entscheidungen werden bei diesem Führungsstil von oben herab und notfalls gegen den Widerstand von Untergebenen eigenmächtig getroffen. Diese Art der Führung funktioniert jedoch an vielen Stellen in der veränderten Arbeitswelt nicht mehr. Stattdessen gewinnt die sogenannte laterale Führung an Bedeutung.

Was ist laterale Führung?

Die laterale Führung beruht auf dem lateinischen Begriff latus, was „Seite“ bedeutet. Demnach bezeichnet der Begriff eine Führung „von der Seite“ – und eben nicht von oben herab. Es handelt sich dabei verglichen mit klassischen Hierarchien um eine sanftere Art der Steuerung. Sie kommt ohne Weisungsbefugnis aus.

Dahinter steht die Annahme, dass Ziele häufig durch flache Hierarchien und einer kooperativen Verständigung besser erreicht werden können. Bei einer hierarchischen Struktur basiert die Macht eines Entscheidungsträgers vor allem auf seiner Position und der damit verbundenen Weisungsbefugnis.

Wenn eine Einzelperson auf diese Weise eine Entscheidung trifft, heißt das jedoch nicht zwangsläufig, dass dies auch die beste Entscheidung ist. Alles steht und fällt mit der tatsächlichen Expertise des Entscheidungsträgers. Hierarchische Führung kann dazu führen, dass höherrangige Personen mit ihren Mitarbeitern nicht offen kommunizieren. Sie birgt die Gefahr, dass Ideen und Warnungen des eigenen Teams ignoriert werden. Der Chef kann seine Vorstellung notfalls per Weisungsbefugnis auch ohne Rücksicht auf andere durchboxen.

Bei einem lateralen Führungsstil geht es hingegen darum, gemeinsam die beste Lösung zu finden. Jeder bringt sich mit seinen Ideen ein. Es steht nicht von vornherein fest, welcher Weg am besten geeignet ist, um das gesetzte Ziel zu erreichen. Dies wird gemeinsam erarbeitet.

Der Begriff laterale Führung ist eigentlich nicht neu. Schon in den 1960er Jahren kam er auf. Damals sprach man von „lateralen Organisationsbeziehungen“, meinte jedoch ein sehr ähnliches Konzept wie heute. Die Soziologen Stefan Kühl und Thomas Schnelle, die sich mit unterschiedlichen Organisationsformen befasst haben, haben den Begriff der lateralen Führung stark geprägt.

Worauf es bei diesem Führungsstil ankommt

Bei lateraler Führung geht es darum, gemeinsam ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das funktioniert über Kooperation, Kommunikation, Vertrauen und zugeschriebene Macht. Alle Instrumente müssen optimal aufeinander abgestimmt sein und ineinandergreifen. Das soll einen gemeinsamen Denkrahmen innerhalb des Teams schaffen. In diesem Denkrahmen, so das Ziel, kann die Arbeitsgruppe bestmöglich zusammenarbeiten.

Das Gelingen hängt nicht, wie bei der klassischen hierarchischen Führung, primär von den Entscheidungen einer zentralen Führungsperson ab. Nichtsdestotrotz braucht es auch hier Führungspersönlichkeiten mit bestimmten Merkmalen, die zu einer guten lateralen Führung unabdingbar sind. Die Macht beruht jedoch nicht auf einer Position, sondern wird erarbeitet. Statt andere anzuweisen, wird bei diesem Modell kooperiert.

Laterale Führung ist durch Kooperationen gekennzeichnet, die über Bereiche und in manchen Fällen auch über Unternehmensgrenzen hinweg reichen. Sie funktioniert durch flache Hierarchien und Netzwerke. Die effiziente Arbeit im Team – etwa Kompetenzteams oder bei einer Projektarbeit – steht im Mittelpunkt dieses Führungsstils. Verschiedene Interessen und Vorstellungen werden durch Verständigung auf einen gemeinsamen Nenner gebracht.

Laterale Führung begründet sich auf erarbeitetem Respekt und gegenseitige Anerkennung. Führungspersonen in lateralen Strukturen haben eine natürliche Autorität und die Fähigkeit, offen und fair zu kommunizieren. Sie beziehen die Meinungen anderer ein und können sich in deren Belange gut einfühlen. Außerdem besitzen sie Verhandlungsgeschick und können andere überzeugen, ohne das im Alleingang zu tun. Ihre Autorität basiert auf ihrer Expertise. Auch Networking spielt hierfür oft eine wichtige Rolle.

Die drei Instrumente der lateralen Führung

Auch wenn klassische Hierarchien in den Hintergrund treten, ist eine gewisse Führung unabdingbar, um die Abläufe in einem Unternehmen oder einer Projektgruppe zu steuern. Laterale Führung basiert auf drei Grundprinzipien. Diese entscheiden darüber, ob dieser Führungsstil zum Erfolg führt oder nicht.

Die drei Grundprinzipien der lateralen Führung sind:

  • Verständigung
  • Vertrauen
  • Macht

Verständigung meint, dass sich alle Beteiligten auf ein gemeinsames Ziel einigen. Sie besprechen auch, auf welche Weise dieses Ziel am besten erreicht werden kann. Herausforderungen und mögliche Störfaktoren werden offen benannt. Unterschiedliche Auffassungen werden geäußert und schließlich ein für alle tragfähiger ein Kompromiss gefunden. Kommunikation und offene Dialoge spielen eine entscheidende Rolle.

Vertrauen müssen sich Führungspersonen bei einer lateralen Führung durch respektvollen Umgang mit anderen erarbeiten. Getroffene Entscheidungen legen fest, wie groß das Vertrauen ist. Auch das Wissen, dass das Vertrauen gegenseitig besteht, ist in diesem Zusammenhang wichtig. Vertrauen wird demjenigen entgegengebracht, der sich nachvollziehbar und berechenbar verhält.

Auch Macht spielt bei der lateralen Führung eine Rolle. Nur wird diese erarbeitet. Sie gründet sich auf Respekt und großes Wissen in einem bestimmten Bereich. Macht erlangt nur, wer offen mit Informationen umgeht und andere ausreichend in den Prozess einbezieht.

Wie laterale Führung zum Erfolg führt

Laterale Führung hat viele Vorteile. Ein klassisches „Basta“, bei dem sich ein Entscheidungsträger über andere Meinungen per Weisungsbefugnis hinwegsetzt, gibt es hier nicht. Dadurch wird Frust und Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern weniger wahrscheinlich. Auch können Entscheidungsprozesse durch laterale Führung häufig beschleunigt werden. Bei einer solchen Organisation wird Engagement belohnt und gefördert. Einzelne können sich besser einbringen. Teams arbeiten häufig wesentlich effizienter zusammen. Auch das Arbeitsklima ist häufig besser als bei stark hierarchischen Strukturen.

Laterale Führung gelingt durch das optimale Zusammenspiel von Vertrauen, Verständigung und Macht. Alle Beteiligten sind dafür verantwortlich, dass das gesetzte Ziel erreicht wird. Die Vorgehensweise ist immer individuell – ebenso wie die Ziele und Instrumente. Wenn alle Beteiligten engagiert und motiviert sind und ihre jeweilige Sichtweise einbringen, führt ein lateraler Führungsstil häufig zu besseren Ergebnissen als bei herkömmlichen hierarchischen Strukturen.