Bildungsteilzeit: Fit für die Zukunft dank Weiterbildung

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Ein Mann macht eine Weiterbildung am PC, dies kann im Rahmen einer Bildungsteilzeit geschehen

Die Arbeitswelt befindet sich seit Jahren in einem grundlegenden Wandel. Digitalisierung, aber auch Automatisierung verändern Prozesse und Strukturen. Diese Entwicklung bedroht den Job vieler Beschäftigter direkt oder indirekt. Durch eine gezielte Weiterbildung ist es jedoch möglich, sich an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen und so attraktiver für Arbeitgeber zu werden. Das geht mit der Bildungsteilzeit. Bislang wird sie allerdings nur stellenweise angeboten. In diesem Artikel geht es darum, wer Bildungsteilzeit nutzen kann, welche Voraussetzungen es dafür gibt und wie das Modell konkret ausgestaltet werden kann.

Bildungsteilzeit: Was ist das?

Jeder Arbeitnehmer muss in seinem Bereich auf dem neusten Stand bleiben, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das gilt in manchen Berufen und Branchen stärker als in anderen. Während es bei dem einen schlicht um Aufstiegschancen geht, ist bei anderen der Arbeitsplatz in Gefahr, wenn sie sich nicht weiterbilden. Das gilt besonders in Bereichen, in denen sich die Veränderungen der Arbeitswelt durch Digitalisierung und Automatisierung besonders stark bemerkbar machen.

Das Problem vieler Arbeitnehmer: Zeit für eine Weiterbildung haben sie neben dem Job meist nicht. Wer Vollzeit arbeitet und familiäre oder andere private Verpflichtungen hat, kann kaum nebenher studieren. Andererseits kommt auch eine Auszeit vom Beruf für die wenigsten in Betracht, schließlich würden sie dadurch ihr Einkommen und die Sicherheit einer festen Arbeitsstelle verlieren.

Bildungsteilzeit: Österreich als Vorbild?

Arbeitnehmer, die sich weiterbilden möchten, sind vielfach auf das Entgegenkommen ihres Arbeitgebers angewiesen. Allerdings macht längst nicht jeder Arbeitgeber mit, wenn ein Beschäftigter wegen einer Weiterbildung weniger arbeiten möchte. In einer besseren Position sind Mitglieder der IG Metall, die in der Metall- und Elektroindustrie in tarifgebundenen Betrieben arbeiten. Für sie besteht die Option, eine Bildungsteilzeit zu nutzen.

Hierzulande ist das Modell Bildungsteilzeit noch kaum verbreitet. Ganz anders in unserem Nachbarland Österreich: Beschäftigte können sich dort über mehrere Monate oder Jahre neben dem Beruf weiterbilden. Sie können dafür Stunden reduzieren oder ganz im Job pausieren. Ihr Lohnausfall wird teilweise durch ein staatliches Weiterbildungsgeld kompensiert, was die Anreize für eine weitere Qualifikation erhöht.

Warum sich Bildungsteilzeit lohnen kann

Wenn die Möglichkeit einer Bildungsteilzeit in einem Arbeitsverhältnis besteht, kann es sich für Arbeitnehmer lohnen, sie zu nutzen. Bildungsteilzeit erlaubt es dir, dich neben dem Job weiterzubilden. Wenn du das in Teilzeit machst, verlierst du den Anschluss im Beruf nicht, erweiterst aber gleichzeitig dein Wissen. Oder du nimmst dir eine Auszeit für die Weiterbildung. Dein Job ist durch die Bildungsteilzeit nicht in Gefahr. Das gibt Sicherheit.

Eine Weiterbildung oder ein Studium sind für viele Beschäftigte sinnvoll, weil sie zukunftsträchtig sind. Sie erlauben es dir, in deinem Bereich auf dem neusten Stand zu bleiben und dich an die veränderte Arbeitswelt anzupassen. Besonders nützlich ist die Bildungsteilzeit in Bereichen, die verstärkt von der Digitalisierung und Automatisierung von Arbeitsprozessen betroffen sind oder es auf absehbare Zeit sein werden. Ansonsten kann es passieren, dass Beschäftigte irgendwann nicht mehr ausreichend qualifiziert sind und deshalb abgehängt werden.

Interessant ist die Option einer Bildungsteilzeit auch für Arbeitnehmer, die keine guten Qualifikationen vorweisen können. Das betrifft insbesondere Personen aus einkommensschwachen Elternhäusern, die sich etwa kein Studium leisten oder keinen Meister machen konnten. Durch die Bildungsteilzeit können sie die fehlende Qualifikation nachholen.

Bildungsteilzeit erlaubt es dir, gezielt neues Wissen zu erwerben und dich an Veränderungen in deinem Bereich anzupassen. Dadurch kannst du für Arbeitgeber attraktiver werden, ebenso können dir Jobs offenstehen, für die du bisher zu wenig qualifiziert bist. Auch ein höheres Gehalt ist nach einer Bildungsteilzeit oft drin. Gleichzeitig sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass du deinen Job verlierst.

Bildungsteilzeit: Wie funktioniert sie?

Bildungsteilzeit gibt es in Deutschland bislang nur für Beschäftigte in bestimmten Bereichen. Die IG Metall hat einen Anspruch auf Bildungsteilzeit für ihre Mitglieder in der Metall- und Elektrobranche durchgesetzt. Dort können Arbeitnehmer die Bildungsteilzeit nutzen, um sich beruflich weiter zu qualifizieren. Sie können eine Weiterbildung machen, sich zum Techniker, Meister oder Fachwirt ausbilden lassen oder ein Studium beginnen.

Die Weiterbildung findet bei einer Bildungsteilzeit neben dem Beruf statt, der dann in Teilzeit ausgeübt wird. Alternativ kann die Qualifikation auch blockweise erfolgen, indem ein Beschäftigter etwa in Vollzeit sein Studium absolviert und dafür eine Pause im Job einlegt. Die Tarifverträge zur Bildung und Qualifizierung der IG Metall, die jeweils bestimmte Geltungsbereiche haben, sehen einen Zeitraum von bis zu sieben Jahren vor, den Arbeitnehmer für eine Bildungsteilzeit nutzen können.

Beschäftigte haben bei Bildungsteilzeit ein Recht auf Rückkehr an den Arbeitsplatz

Unabhängig davon, ob sich Betroffene für ein Blockmodell oder eine Weiterbildung in Teilzeit entscheiden, ist ihr Job nicht in Gefahr. Sie haben ein Recht auf eine Rückkehr auf einen gleichwertigen Arbeitsplatz. Abhängig von den Umständen im Einzelfall kann ein Anspruch auf Zuschüsse durch den Arbeitgeber bestehen, die die wegfallenden Arbeitsstunden teilweise ausgleichen.

Welche Voraussetzungen für Bildungsteilzeit gelten, hängt von den Vorgaben des jeweiligen Tarifvertrags ab. In der Regel müssen Beschäftigte seit mindestens fünf Jahren im Betrieb sein, um Bildungsteilzeit beantragen zu können. (Ex-)Auszubildende können Bildungsteilzeit direkt nach ihrer Ausbildung machen, wenn sie Fachabitur haben.

Diese Modalitäten gelten für die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie, die Mitglieder der IG Metall sind. Die Gewerkschaft hat ein ähnliches Modell auch in einer anderen Branche durchgesetzt. In der Textil- und Bekleidungsindustrie haben Beschäftigte Anspruch auf bis zu einer Woche Weiterbildung pro Jahr. Dabei muss ihnen der Arbeitgeber weiterhin ihren Lohn zahlen und sich an den Kosten für die Weiterbildung beteiligen.

Bildungskonto kann Bildungsteilzeit ermöglichen

Um Bildungsteilzeit zu realisieren, kann ein Bildungskonto genutzt werden. Dort kannst du Mehrarbeit „ansammeln“, und zwar bis zu 152 Stunden im Jahr. Auch Geld lässt sich dort sparen. Du kannst etwa Weihnachts- oder Urlaubsgeld dort einzahlen. Beides – Zeit und Geld – kann später eingesetzt werden, wenn die Bildungsteilzeit beginnt. Auch Langzeitkonten können ein Weg sein, um Bildungsteilzeit zu ermöglichen.

Je nach Tarifgebiet können Betroffene außerdem bis zu zehn Prozent des Bildungskontos als Kredit nutzen. Das bedeutet, dass sie zu Beginn der Bildungsteilzeit bis zu zehn Prozent ihrer Arbeitsleistung ins Minus gehen können. Nach der Weiterbildung müssen sie entsprechend mehr arbeiten, um das Bildungskonto auszugleichen.

Kosten: Gibt es eine Kompensation für wegfallende Stunden oder eine Förderung?

Während Beschäftigte in Österreich, die Bildungsteilzeit machen, eine staatliche Kompensation für die wegfallenden Stunden im Job bekommen, gibt es einen solchen Anspruch in Deutschland nicht. Die Kosten für die Bildungsmaßnahme musst du in vielen Fällen außerdem komplett selbst zahlen. Eine Ausnahme besteht, wenn deine Weiterbildung aus Sicht des Betriebs notwendig ist. Dann muss der Arbeitgeber die Kosten übernehmen und dich für die Maßnahme freistellen. Ist deine geplante Weiterbildung aus Arbeitgebersicht immerhin zweckmäßig, muss der Arbeitgeber dich die Hälfte der Zeit freistellen.

Du bist bei einer Bildungsteilzeit jedoch nicht auf die Zustimmung des Arbeitgebers angewiesen. Du kannst Bildungsteilzeit auf eigene Kosten in deiner eigenen Zeit machen, wenn du das möchtest. Ein Blick in die Betriebsvereinbarung kann sich lohnen: Dort kann ein Zuschuss des Arbeitgebers zu einer Bildungsteilzeit vorgesehen sein. In der Regel speisen sich solche Zuschüsse aus Mitteln, die für die Altersteilzeit vorgesehen sind.

Auch eine staatliche Förderung kann im Einzelfall in Betracht kommen, um die Bildungsteilzeit zu finanzieren und den Lohnausfall abzufedern. Je nachdem, welche Voraussetzungen du erfüllst, kannst du etwa BAföG beantragen, einen Bildungskredit aufnehmen oder eine Weiterbildungsprämie nutzen. Das Programm „Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen“, kurz WeGebAU, der Bundesagentur für Arbeit kommt ebenfalls infrage. Darüber können dir 50 bis 100 Prozent des entgangenen Lohns erstattet werden.

Wie kann man Bildungsteilzeit beantragen?

Wenn du Bildungsteilzeit beantragen möchtest, solltest du frühzeitig mit deinem Arbeitgeber sprechen. Der Antrag muss ihm spätestens sechs Monate vor dem geplanten Beginn der Bildungsteilzeit vorliegen. Aus vielen Tarifverträgen ergibt sich für Arbeitnehmer einmal pro Jahr ein Anspruch auf ein Qualifizierungsgespräch mit dem Arbeitgeber. Dort kannst du den Wunsch nach einer Weiterbildung thematisieren und mit dem Arbeitgeber besprechen, wie die Bildungsteilzeit konkret umgesetzt werden kann. Diese Modalitäten haltet ihr anschließend in einer Bildungsvereinbarung fest.

Es ist sinnvoll, dich vor dem Gespräch mit dem Arbeitgeber zunächst an den Betriebsrat zu wenden. Er kennt sich mit der Thematik und den Möglichkeiten der (anteiligen) Finanzierung aus und kann dich beraten. Du kannst ein Mitglied des Betriebsrats zu deinem Gespräch mit dem Chef mitnehmen. Alternativ oder zusätzlich kannst du dich auch an die Jugend- und Ausbildungsvertretung oder die regionale Niederlassung der IG Metall wenden, wenn du Fragen hast oder Rat benötigst.

Bildungsteilzeit in nicht tarifgebundenen Betrieben: Geht das?

Einen Anspruch auf Bildungsteilzeit gibt es bisher nur für IG-Metall-Mitglieder in tarifgebundenen Betrieben der genannten Bereiche. Arbeitest du in einem anderen Bereich, bist du auf die Unterstützung des Arbeitgebers angewiesen. Es kann sich aber lohnen, ungeachtet eines möglichen tarifvertraglichen Anspruchs das Gespräch mit dem Arbeitgeber zu suchen. Möglicherweise findet ihr gemeinsam eine Lösung, wie du dich neben dem Job weiterbilden kannst. Es ist schließlich auch im Sinne des Arbeitgebers, wenn du dir neues Wissen und neue Fähigkeiten aneignest.

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