AllgemeinWarum „nett“ nicht immer gut ist

Warum „nett“ nicht immer gut ist

Nette Menschen sind gern gesehene Zeitgenossen. Kein Wunder: Mit ihnen kommt man nicht nur gut aus, sondern kann auch auf sie zählen, wenn man Hilfe braucht. Für die netten Menschen selbst ist es aber nicht immer ideal, sich für andere aufzuopfern. Im Gegenteil: Nettigkeit kann sogar ein Nachteil sein. Warum zu nett sein nicht immer förderlich ist und wie man die richtige Balance findet, erfährst du in diesem Artikel.

Das zeichnet nette Menschen aus

Nett sein – was heißt das eigentlich? Der Duden definiert nett als „freundlich und liebenswert, im Wesen angenehm“. Menschen, die nett sind, machen es anderen oft einfach, mit ihnen auszukommen. Sie sind auf Harmonie bedacht und entsprechend selten kommt es zu Konflikten mit anderen. Dass nette Menschen Konfrontationen häufig aus dem Weg gehen, kann damit zusammenhängen, dass sie Angst haben, dass andere sie nach einem Streit oder einer Diskussion weniger mögen könnten.

Nette Menschen lächeln oft viel und sorgen damit für eine positive Stimmung. Sie sind häufig entgegenkommend, kooperativ und hilfsbereit. Sie sind für andere Menschen da, wenn es darauf ankommt, und bieten ihre Unterstützung meist auch ohne explizite Aufforderung an. Das liegt daran, dass sie in vielen Fällen ehrlich daran interessiert sind, dass es anderen Menschen gut geht. Wenn nette Menschen etwas für andere tun, erwarten sie nicht, etwas zurückzubekommen.

Ein weiteres Merkmal netter Menschen ist es, dass sie in der Regel gute Zuhörer sind. Sie machen anderen Komplimente und freuen sich mit ihnen, wenn es positive Entwicklungen in deren Leben gibt. Sie sind oft uneigennützig und denken nicht nur an sich, wenn sie etwas tun.

Nett sein – warum es in vielen Lebenslagen vorteilhaft sein kann

Ein netter Mensch zu sein kann viele Vorteile mit sich bringen. Nette Menschen sind angenehm im Umgang mit anderen. Dadurch kommen sie tendenziell gut mit anderen aus, was die Gefahr von Reibereien und Streitigkeiten mindert. Im Gegenzug steigt die Wahrscheinlichkeit, dass bei Konflikten rasch Kompromisse gefunden werden können. Dadurch kann man häufig mehr erreichen.

Wer nett ist, wird von anderen Menschen eher gemocht und kann ein hohes Ansehen genießen. Wer mit einer netten Person Kontakt hat, bekommt womöglich bessere Laune. Das kann, zum Beispiel im Büro, die Stimmung insgesamt verbessern. Auch Freundschaften werden wahrscheinlicher. Das fällt auch positiv auf die nette Person zurück, die durch die positive Reaktion von anderen auf sie selbst bessere Laune bekommen kann.

Im beruflichen Kontext ist Nettigkeit auch dann hilfreich, wenn sie dazu führt, dass der Chef einen mag. Das ist ein Vorteil bei Gehaltsverhandlungen, aber auch, wenn eine Beförderung im Raum steht oder es um eine anderweitige interne Bewerbung geht. Selbständige, die im Umgang freundlich und angenehm sind, können andere eher von einer Zusammenarbeit überzeugen.

Auch für Führungskräfte kann es hilfreich sein, als nett wahrgenommen zu werden. Wenn die Mitarbeiter den Vorgesetzten mögen, sind sie eher motiviert, legen sich stärker ins Zeug und sind insgesamt zufriedener – weil sie den Chef schätzen und sich von ihm gut behandelt fühlen. Das kann einen merklichen Unterschied in den Leistungen der Beschäftigten – und damit dem Unternehmenserfolg insgesamt – machen.

Zu nett – warum Nettigkeit auch ein Nachteil sein kann

Nett zu sein ist das eine – wer zu nett ist, hat davon aber möglicherweise Nachteile. Man spricht dann auch von der Nettigkeitsfalle. Wenn andere einen als sehr netten Menschen wahrnehmen, kann das dazu führen, dass sie einen für naiv halten und nicht ernst nehmen.

Manche netten Menschen werden von anderen übergangen und weniger geschätzt, weil sie Konflikte scheuen und sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen und anderen Grenzen zu setzen. Nettigkeit kann dann als Schwäche ausgelegt werden – was auch ein Nachteil im Beruf sein kann. Wer beispielsweise im Vorstellungsgespräch freundlich, aber zurückhaltend auftritt und deshalb als Bewerber blass bleibt, hat womöglich das Nachsehen gegenüber einem selbstbewussteren Kandidaten, der mehr Ecken und Kanten zeigt.

Wenn jemand zu nett ist, kann das dazu führen, dass andere ihn ausnutzen. Im beruflichen Kontext kann das zum Beispiel so aussehen, dass ein bestimmter netter Kollege immer wieder von anderen um Gefallen gebeten wird – dass er nicht Nein sagen kann, wissen schließlich alle. Die anderen Personen mögen sich zwar freuen, dass die nette Person ihnen hilft, aber für diese Person selbst kann das nachteilig sein. Ihr bleibt womöglich nicht mehr genügend Zeit für die eigenen Aufgaben, außerdem steigt das Stresslevel und die Gefahr, dass ein Gefühl der Überlastung auftritt.

Psychologie: Zu nett sein kann zur Selbstaufgabe führen

Wer an sich selbst zuletzt denkt, bleibt womöglich auf der Strecke, wenn es ihm nicht gelingt, seine eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren. Menschen, die übermäßig nett sind, scheuen häufig Konflikte. Das ist jedoch in vielen Situationen kontraproduktiv. Im Privatleben und im Beruf lassen sich Konflikte gar nicht gänzlich vermeiden. Wer dann zu zurückhaltend ist, sich von anderen alles gefallen lässt oder immer nachgibt, ist in der schlechteren Position.

Für Menschen, die zu nett sind, kann das langfristig zu einem großen Problem werden. Wer seine Ideale verleugnet und die eigenen Bedürfnisse ignoriert – schlimmstenfalls bis zur Selbstaufgabe –, ist damit sicherlich unzufrieden. In netten Menschen, die immer alles für andere tun aber wenig für sich selbst, kann sich deshalb im Laufe der Zeit Wut anstauen. Dieser Frust kann dann so groß werden, dass er sich in einer womöglich unpassenden Situation urplötzlich entlädt – oft zum Schock der Menschen, die solche Gefühlsausbrüche von der netten Person überhaupt nicht gewöhnt sind. Wer sich für andere aufopfert, riskiert außerdem einen Burnout oder Depressionen.

Bist du zu nett? Das deutet darauf hin

„Ich bin zu nett für diese Welt.“ Hast du so einen Gedanken schon mal gehabt? Dann liegt der Verdacht nahe, dass du tatsächlich zu nett bist und davon profitieren könntest, anderen stärker Grenzen zu setzen und dich stärker um dich selbst zu kümmern. Es gibt verschiedene Hinweise, die darauf hindeuten können, dass jemand zu nett ist.

Vielleicht bist du immer die erste Anlaufstelle, wenn andere einen Gefallen brauchen. Kannst du in solchen Situationen nicht Nein sagen, auch wenn du eigentlich gar keine Zeit oder Lust hast, den anderen Personen zu helfen? Fühlst du dich vielleicht sogar ausgenutzt, kannst die Bitte aber trotzdem nicht ausschlagen?

Viele nette Menschen machen ihr Selbstbild davon abhängig, ob andere sie mögen. Das kann dazu führen, dass man automatisch nett ist – auch wenn man sich gar nicht danach fühlt und diese Nettigkeit den wahren Gefühlen nicht entspricht. Wer zu nett ist, hat außerdem sehr wahrscheinlich Angst vor Kritik. Reagieren andere nicht so positiv wie erhofft, sind Selbstzweifel die Folge.

Zu nette Menschen wünschen sich häufig in allen Lebenslagen und Umständen Harmonie. Sie möchten es allen recht machen und hassen Streit. Deshalb würden sie auch keinen Konflikt offen zur Sprache bringen und damit austragen. Verhalten andere Menschen sich unangemessen oder anderweitig negativ, finden viele nette Menschen dafür Ausreden. Oft hängt das damit zusammen, dass das Weltbild dieser Personen vom Glauben an das Gute in anderen Menschen geprägt ist.

Nette Menschen scheuen häufig Entscheidungen. Sich für eine Vorgehensweise zu entscheiden, überlassen sie lieber anderen („Ist mir egal, was möchtest du?“). Wenn sie merken, dass andere eine andere Richtung bevorzugen als sie selbst, lenken sie sofort ein – auch wenn sie damit ihre eigenen Wünsche ignorieren.

Ein gesundes Maß an Nettigkeit finden – so gelingt es dir

Vielleicht bist du jemand, der selbst denkt: Ich bin zu nett. Vielleicht haben dir auch andere Menschen gesagt, dass du mehr an dich denken sollst und dich so zum Nachdenken gebracht. Eines vorweg: Wenn du ein netter Mensch bist, ist nichts falsch daran. Du solltest nur nicht zu nett sein – und nicht deine eigenen Bedürfnisse einer zwanghaften Nettigkeit anderen Menschen gegenüber unterordnen.

Das richtige Maß an Nettigkeit zu finden ist oft gar nicht so einfach. Man will schließlich weder zu nett sein und dadurch Nachteile im Leben haben, noch möchte man ins Gegenteil umschlagen und zum Egozentriker werden, der sich ohne Rücksicht auf andere mit den Ellenbogen den Weg durchs Leben boxt. Entscheidend ist, dass du ein gesundes Mittelmaß für dich findest. Wie genau das aussieht, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Eine gute Balance aus Nettigkeit und Egoismus hast du dann gefunden, wenn du gut damit leben kannst, wer du bist. Du solltest weder deine Ideale verraten noch dich selbst nicht wichtig genug nehmen. Deine Grundbedürfnisse müssen erfüllt sein und deine nette Ader darf nicht dazu führen, dass du selbst Probleme bekommst oder frustriert bist. Sei nett zu anderen, wenn du es ehrlich sein möchtest, weil du diese Menschen magst oder ihnen helfen möchtest. Scheue dich aber auch nicht, Nein zu sagen, Grenzen zu setzen und gegebenenfalls auch mal mit anderen anzuecken, weil du nicht so reagierst, wie sie es sich wünschen.

Wie du lernen kannst, deine Bedürfnisse stärker zu achten

Damit das Nettsein nicht zum unerwünschten Automatismus wird, musst du akzeptieren, dass ständige Harmonie weder realistisch noch erstrebenswert ist. Aus Konflikten können wir lernen und daran wachsen. Sie gehören zum Leben dazu, was sich nicht ändert, wenn du nett bist. Lerne, Nein zu sagen, wenn du Nein sagen möchtest, und anderen Grenzen zu setzen. Ebenso solltest du dir klarmachen, dass es dich nicht zum Arschloch macht, wenn du in bestimmten Situationen an dich selbst denkst. Hinzu kommt: Wenn du dich selbst nicht schützt und deshalb insgeheim frustriert oder unglücklich bist, haben auch andere nichts davon.

Es gibt verschiedene Übungen, die dir dabei helfen können, deine eigenen Bedürfnisse stärker zu priorisieren. Eine Möglichkeit ist es, das Neinsagen zu üben. Wenn du das nächste Mal gefragt wirst, ob du aushelfen kannst oder ob du etwas Bestimmtes machen möchtest, halte inne, bevor du Ja sagst – und überlege dir ehrlich, ob du Zeit oder Lust hast. Wenn nicht, sag Nein und stehe dazu. Du musst dich dafür nicht rechtfertigen.

Ebenso hilfreich kann es sein, dir vorzunehmen, selbst Vorschläge zum Vorgehen in bestimmten Situationen zu machen. Warte nicht auf Vorschläge von anderen – vor allem dann nicht, wenn du schon sehr genau weißt, wie es deiner Meinung nach laufen sollte. Äußere deine Vorstellungen und stehe dazu. Das heißt nicht, dass du sie auf Biegen und Brechen durchdrücken sollst, aber du solltest auch nicht sofort nachgeben, wenn andere Einwände haben.

Veränderung braucht Zeit

Mache dir klar, dass es schwer ist, gewohnte Muster und Strukturen zu durchbrechen. Womöglich bist du schon dein ganzes Leben lang „zu nett“, also erwarte auch nicht, dass nächste Woche alles anders ist. Es ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Wenn du dein Verhalten und deine Denkweisen in kleinen Schritten änderst, wirst du aber wahrscheinlich schon bald Fortschritte feststellen, die dich auf deinem weiteren Weg motivieren.

Dabei solltest du dir keine Sorgen machen, dass dich andere Menschen durch dein verändertes Verhalten ablehnen. Die Angst, dass andere einen nicht mehr mögen könnten, wenn man mal Widerworte gibt oder Nein statt Ja sagt, ist in der Regel unbegründet. Im Gegenteil: Meist werden Menschen, die zu sich stehen und ihre Meinung sagen, von anderen mehr geschätzt.

Bildnachweis: New Africa / Shutterstock.com

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