Warum die Opferrolle dich am Arbeitsplatz nicht weiterbringt

1899
Warum die Opferrolle dich am Arbeitsplatz nicht weiterbringt

Wer sich unter den Kollegen umschaut, braucht meist nicht lange zu suchen: Irgendjemand nimmt immer die Opferrolle ein – manchmal sogar man selbst. Selbst wenn die eigene Unzufriedenheit gute Gründe hat, tut ein solches Schwarz-Weiß-Denken auf lange Sicht nicht gut. Nur wer Probleme aktiv angeht, kann diese lösen.

Eigentlich könnte alles so toll sein am Arbeitsplatz. Wenn da nicht die Vorgesetzte wäre, die einfach nie zufrieden ist mit der eigenen Leistung – oder diese schlicht nicht anerkennt. Oder die Kollegin, die wesentlich weniger Einsatz zeigt, aber trotzdem stetig die Karriereleiter erklimmt, während man selbst bei Beförderungen leer ausgeht.

Gründe, sich am Arbeitsplatz unwohl oder unzufrieden zu fühlen, gibt es viele. Häufig ist die Unzufriedenheit auch objektiv nachvollziehbar, in anderen Fällen sorgen Überempfindlichkeit und mangelndes Selbstwertgefühl dafür, eine Situation negativer wahrzunehmen als sie eigentlich ist. Nicht selten nehmen wir in bestimmten Fällen in der Arbeit eine Opferrolle ein. Schuld sind dann immer die anderen – oder widrige Umstände. Das eigene Denken oder Verhalten wird dann nicht mehr kritisch hinterfragt.

Schwarz-Weiß-Denken bringt dich nicht weiter

Die Opferrolle ist zwar eine schwache Position, trotzdem nehmen wir sie oft nur allzu gerne ein. Denn die eigene Situation liegt dann scheinbar außerhalb der eigenen Kontrolle. So müssen wir uns nicht mit der Frage auseinandersetzen, wie die Lage verbessert werden kann – denn wir tragen ja scheinbar nichts dazu bei. Selbstkritische Reflexion darüber, wie man selbst zu der misslichen Situation beigetragen haben könnte, ist dann nicht erforderlich.

Diese Schwarz-Weiß-Sicht begünstigt nicht nur Selbstmitleid, sondern oft auch ein Betriebsklima, in dem viel über andere gelästert wird – sei es über die launische Chefin oder den Kollegen, der seine Arbeit fortwährend auf andere abwälzt. Zwar steckt dahinter ein ganz natürlicher Reflex, und kurzzeitig kann Lästern durchaus befreiend wirken. Es validiert auch die eigene Sichtweise, wenn andere Kollegen dieselben Probleme mit dem neuen Chef haben.

Auf Dauer ist so ein Verhalten jedoch nicht konstruktiv, stattdessen verstärkt sich dadurch die eigene negative Sichtweise. Und wer weiß, ob nicht bei nächster Gelegenheit genau dieselben Personen über einen selbst herziehen?

In der Opferrolle ändert sich die Sichtweise

Einmal in der Opferrolle angekommen, entfalten die Dinge nicht selten eine Eigendynamik – weil man das Arbeitsumfeld aus der Sichtweise dieser Rolle wahrnimmt. Auf Kommentare von Kollegen oder dem Chef reagiert man dann nicht selten grundsätzlich allergisch, obwohl die betreffende Äußerung gar nicht so gemeint war. Die Realität wird der eigenen Sichtweise angepasst, und entsprechend voreingenommen werden die Dinge häufig betrachtet.

Wer glaubt, dass ihm der Chef nicht mehr wohlgesonnen ist, wird dessen Handeln und dessen Worte unter dieser Prämisse wahrnehmen – und sich bestätigt sehen, dass er mit seiner Einschätzung Recht hatte. Dabei verhalten wir uns in solchen Situationen nicht selten selbst in einer Art und Weise, die eine entsprechende Reaktion begünstigt. Eine negative Grundstimmung macht sich, vor allem in einer engen Zusammenarbeit, in aller Regel bemerkbar – und trägt nicht eben positiv zum Betriebsklima bei.

Wie kommt man aus der Opferrolle wieder heraus?

Es mag bequem sein, in einer einmal eingenommenen Opferrolle zu verbleiben. Langfristig ist das jedoch nicht empfehlenswert. Wer jegliche Schuld auf andere schiebt, übernimmt selbst weder Kontrolle noch Verantwortung. Wer in der Opferrolle verbleibt, wird die Situation, mit der er unzufrieden ist, kaum ändern. Deshalb ist es wichtig, diese Sichtweise wieder abzulegen. Nur dann ist es möglich, das, was negativ wahrgenommen wird, aktiv zu ändern. In der Opferrolle wird hingegen niemand dauerhaft glücklich.

Während es einfach ist, die Schuld für die eigene Unzufriedenheit auf äußere Umstände oder andere Personen zu schieben, ist es oft gar nicht so leicht, die Opferrolle wieder zu verlassen. Vor allem, wenn sich diese über einen längeren Zeitraum etabliert hat, verharren viele Menschen darin, ohne diese Sichtweise zu hinterfragen. Gar nicht selten haben sich dabei die ursprünglichen Auslöser für die eigene Unzufriedenheit längst verändert oder sind gar nicht mehr vorhanden, aber die Opferrolle bleibt. Deshalb sollte man selbstkritisch hinterfragen, ob man in einer solchen Rolle gefangen ist.

Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung

Deshalb ist es in erster Linie wichtig, zu erkennen, dass man die Opferrolle eingenommen hat. Nur dann hat man die Chance, sie wieder abzulegen – und an Konflikte oder negative Begebenheiten konstruktiv heranzugehen. Wer die Rolle und damit die Sichtweise wechselt, übernimmt Verantwortung. Er hat plötzlich die Kontrolle über die eigene Unzufriedenheit. Manche Konflikte sind dabei lösbar, auch wenn dies unter Umständen Kompromisse erfordert. In anderen Fällen ist es sinnvoller, den Job zu wechseln. Denn wer permanent unzufrieden ist und keinen Weg sieht, dies zu ändern, wird diese Unzufriedenheit auch in das Privatleben übertragen.

Häufig ist dieser radikale Schritt jedoch gar nicht notwendig. Oft reicht es, ein offenes Gespräch mit Vorgesetzten oder einem Kollegen, mit dem man einen Konflikt hat, zu suchen. Manchmal stellt sich dabei heraus, dass man selbst durch die eigene Haltung einen Teil zum Problem beigetragen hat.